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DER KOPF DES NASHORNS - EPISODE 1

SEMPER IN EXTREMIS

Diese illustrierte, fantastische Erzählung besteht aus 21 Kapiteln und beschreibt kurze, in sich geschlossene Geschichten aus wechselnden erzählerischen und zeitlichen Perspektiven. Es ist eine (weitere) Zusammenarbeit des Autors/Regisseurs Carlos Atanes und dem Illustrator Jan van Rijn und bewegt sich  im Gebiet des Erotismus und des magischen Realismus.

 

Was verbirgt sich hinter einer einfachen Fabel über Wölfe und Kaninchen? Eine Schauspielerin, die vor einem unterirdischen Dreh am Fuße des Mount Fuji flieht. Ein Schrotthändler aus New Mexico, der zwei Besuchern aus dem Weltall Kaffee serviert. Eine Modedesignerin, die glaubt, dass sie von einer mythischen Figur geträumt wird. Ein Antiquitätenfälscher, der entdeckt, dass ein altes Märchen wahr geworden ist. Eine weibliche Sekte, die die kosmische Ordnung mit erschreckenden Ritualen stört. Beschwörungen fiktiver Ereignisse, Sonnenblumen, die als Batterien orgasmischer Energie fungieren, Nashornköpfe am Ende der Welt, pornografische Filme, die im Kopf des Zuschauers projiziert werden, Puppen, die sich in Frauen verwandeln, und Frauen, die sich in Puppen verwandeln... Eine Konstellation seltsamer Begebenheiten, die in ihrer Verflechtung eine Hyperfabel konstruieren, deren Sinn sich den Figuren entzieht, weil er sich nur vor den Augen des Lesers offenbaren kann.

Vorwort von John Coulthart:

 

"Es hält sich hartnäckig der Mythos, dass das Horn des Nashorns in der traditionellen chinesischen Medizin als Aphrodisiakum verwendet wird. Seine phallische Form trägt zweifellos zu diesem Irrglauben bei, ebenso wie die Tatsache, dass pulverisiertes Nashornhorn in einigen asiatischen Ländern tatsächlich von Ärzten eingesetzt wird – allerdings nicht aus den Gründen, die im Westen vermutet werden. Sollten die Hörner geschlachteter Tiere tatsächlich dazu dienen, die nachlassende Libido chinesischer Männer anzuregen, empfehle ich den Betroffenen stattdessen die Bild- und Textsammlung von Carlos Atanes und Jan van Rijn. Schließlich ist es besser, zur Befriedigung sexueller Gelüste einen Buchrücken zu knicken, als den Bestand an gefährdeten Tierarten dieser Welt zu dezimieren.

 

Das soll nicht heißen, dass „Der Kopf des Nashorns“ als Stimulans irgendeiner Art verfasst wurde – ich habe die Schöpfer nicht nach ihren Absichten gefragt – aber man tendiert immer zu dieser Annahme, sobald der Eros in einem Kunstwerk eine dominierende Rolle spielt, umso mehr, wenn die dargestellten Figuren so freizügig mit ihren Mündern und Fingern agieren. Dies ist jedoch nur eine der Perspektiven, die eine Sammlung von Erzählungen eröffnet, deren Blickwinkel sich ständig ändern. Die Identitäten sind hier so wandelbar wie die in Ovids Metamorphosen, wo Mensch und Tier – in dieser Erzählung sogar Außerirdische – keine getrennten Sphären darstellen, sondern Stationen innerhalb eines Spektrums des Daseins. „Fabeln“ ist der Begriff, den die Macher des „Kopf des Nashorns“ für ihre Erkundungen verwenden, was uns eine weitere Perspektive eröffnet, die das Material aus der feuchten Sphäre des Erotischen in Bereiche tieferer Kontemplation hebt. Im Vordergrund steht der fantastische Charakter der Fabel, losgelöst von den moralischen Lehren, die solchen Erzählungen oft zugrunde liegen.

 

Und dann wäre da noch der Aufbau des Buches selbst, der eine nicht-lineare Lektüre ermöglicht, wenn man es wünscht. Jede dieser einundzwanzig Episoden ist in sich abgeschlossen, doch kann jede einzelne den Keim für Ereignisse enthalten, die zuvor oder danach ausführlicher behandelt werden. Dies hebt das Werk von der einfacheren Kost ab, die Liebhaber von Aphrodisiaka bevorzugen – ein Publikum, dessen Wünsche durch die erzählerische Komplexität und den geistreichen Witz von Carlos’ Schreibstil möglicherweise enttäuscht werden. Einundzwanzig Episoden sind eine zu wenig, um die Stücke leichterhand den großen Arkana des Tarots zuzuordnen, doch diese Fabeln haben etwas Tarot-ähnliches an sich. Jans Zeichnungen besitzen oft eine hieratische Qualität, die mich an Tarot-Symbole erinnert, während das Tarot selbst eine Sammlung von Symbolen, Situationen und Archetypen ist, deren Auswahl durch den Fragenden sich mit jeder Lesung zu einer einzigartigen Erzählung zusammenfügt. Die endgültige Perspektive in „Der Kopf des Nashorns“ ist die des Lesers: Lies die Karten, mische das Deck und beginne von Neuem."

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